Ausland

In einer Zeit, in welcher der herrschende fachliche Mainstream vom Konzept der „Lebensweltorientierung“ ausgeht, scheint der Ansatz, Kinder und Jugendliche nicht nur außerhalb ihres Herkunftsortes zu betreuen, sondern hierfür sogar das Heimatland zu verlassen, einen eklatanten Widerspruch zu bergen.

Die Kinder und Jugendlichen, die sich für eine Unterbringung in unserer Einrichtung entscheiden, finden – auf Zeit – eine neue, für sie vollkommen fremde Lebenswelt. Im Folgenden möchten wir begründen, warum dieser scheinbare Widerspruch im Interesse der Kinder und Jugendlichen auf deren Integration in ihre vormalige, bundesdeutsche Lebenswelt hinwirken kann.

Die Mitarbeiter/innen des Kinderhaus Schäfer gehen davon aus, dass Heimerziehung, deren Anlass ja immer exkludierend wirkende biographische Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen sind, eine einschneidende Erfahrung der Exklusion von allem bisher Vertrauten ist.

So unzureichend und unterversorgend die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen in ihren Herkunftsfamilien auch häufig waren, die Eltern sind und bleiben doch die Personen, auf die sich die Bindungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen richten, auch ein materiell unzureichend ausgestattetes „zu Hause“ bleibt eine Heimat, nach der man sich sehnt und die in der Rückschau fast immer idealisiert wird.

So steht die Heimerziehung vor dem Widerspruch, Kindern und Jugendlichen einen „stellvertretenden Lebensraum“ bieten zu wollen, „den sie sich nicht aus freien Stücken ausgesucht haben“ (vg. Schleiffer 2009, S. 9). Wolfgang Post formulierte diesen Widerspruch 1997 sehr klar: „Heime sind demnach also Orte, die es nach Möglichkeit zu vermeiden gilt. (…) Heimerziehung gilt als ein ‚besonders schicksalhafter Eingriff’“ (Post 1997, S. 10, zit. nach Schleiffer 2009, S. 9).

Die „Lebensweltorientierung“ setzt auf die Aktivierung der sozialräumlichen und familiären Ressourcen der Kinder und Jugendlichen, es ist jedoch festzustellen, dass diese bei fast allen Adressaten nicht nur nicht vorhanden sind, sondern häufig gerade die Bedingungen des Sozialraumes als fortgesetzte Beeinträchtigung ihrer Entwicklung wirken.

Aus diesem Grund ist die Exklusion der Kinder und Jugendlichen aus ihrem primären Umfeld eine zwingende Voraussetzung für eine spätere, gelingende Inklusion.

Für den sozialräumlichen Aspekt unserer Arbeit sind zwei wesentliche Faktoren entscheidend: dies ist zum einen das Dorf, in dem wir leben, zum anderen der kleine Mikrokosmos des Jugendhofes, auf dem die bis zu sieben Jugendlichen gemeinsam mit mindestens vier deutschen Fachkräften leben.

Die Ankunft in dem kleinen, rumänischen Dorf ist für jeden Adressaten ein Schock. Trotz unseres sehr aufwendigen Aufnahmeverfahrens, einer Aufnahme gehen in der Regel mehrere Treffen im häuslichen Umfeld gemeinsam mit den Sorgeberechtigten voraus, ist es kaum möglich, die Jugendlichen auf die sozialen und kulturellen Unterschiede tatsächlich vorzubereiten. Auch wenn sie sich unter einem Dorf etwas vorstellen, ist doch ein Dorf im Deutschland des Jahres 2013 etwas ganz anderes als unser Lebensmittelpunkt in Rumänien.

Wir gehen davon aus, dass das als „schwierig und grenzüberschreitend“ erlebte Verhalten der Kinder und Jugendlichen, dass sie aus allen vorhergehenden Lebenszusammenhängen und Hilfsangeboten ausgeschlossen hat, für die Jugendlichen die – wenn auch häufig destruktive und gesellschaftliche nicht anerkannte – Funktion hat, in einer als unsicher empfundenen Umwelt das eigene Überleben zu sichern.

Insofern verfügen die Jugendlichen über Selbsterhaltungspotenziale, die es zu erkennen und produktiv zu machen gilt. Die vorübergehende – und für regelmäßige Besuche immer wieder unterbrochene – Herausnahme aus ihrem Sozialraum bietet den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, diese Ressourcen produktiv zu wenden. Auf diese Weise kann eine stabile und perspektivreiche Grundlage für eine gelingende Integration in ihren Sozialraum geschaffen werden.