Eine Expertise zum interkulturellen Lernen in der Individualpädagogik von W. Klawe

Die fachliche Auseinandersetzung mit den Besonderheiten einer überwiegenden Unterbringung im Ausland ist eine ständige Herausforderung für das Team des Kinderhaus Schäfer. Aus dieser Tätigkeit ergeben sich sowohl Chancen für die je individuelle Ausgestaltung des Hilfeprozesses wie auch spezifische Einschränkungen, die es zu berücksichtigen gilt.

Klawe untersucht für sein Forschungsvorhaben unter anderem die Konzeptionen von Trägern von Auslandsmaßnahmen, um Aussagen darüber treffen zu können, inwieweit „das Ausland als `Standortfaktor` und Ressource für Erfahrungs- und Lernprozesse“ konzeptionell in die Ausgestaltung des Hilfeprozesses einbezogen wird (Klawe 2013, S. 12).

Im Folgenden möchten wir einige Aspekte vorstellen, die für unsere Tätigkeit von besonderer Bedeutung sind und hoffen, damit auch auf das Interesse der Leser/innen zu stoßen.

 „Betreuung als ´sicherer Ort`: Rahmenbedingungen und Alltagsregeln 

Auch in diesem Kapitel unterscheidet Klawe zwischen „individualpädagogischen“ und „interkulturellen“ Aspekten. Zunächst führt er aus, dass – wahrscheinlich nicht nur – bei Auslandsmaßnahmen „grundsätzlich zu beachten (sei), dass Flexibilität und eine individualpädagogische Ausrichtung die wirkmächtigsten Wirkfaktoren einer individualpädagogischen Maßnahme sind“ (ebd. S. 125). „Die untersuchten Prozessverläufe zeigen, dass aufgrund wechselnder Situationen, sprunghafter Entwicklungen oder eskalierender Konflikte immer wieder Veränderungen des Settings oder `Nachjustierungen` der Alltagssituation erforderlich sind“ (ebd. S. 125). Er weist darauf hin, dass „individualisierte Kriseninterventionen und flexible Aushandlungsprozesse besser geeignet sind, nachhaltige Lösungen zu finden“, darüber hinaus seien diese besser geeignet, „dem Jugendlichen (…) das Gefühl: „Es geht um mich“ zu vermitteln (ebd.).

Als „individualpädagogischen Wirkfaktor“ benennt Klawe zunächst die „Alltagsorientierung“, welche dadurch bestimmt sein sollte, dass sich „Handeln, Aufgaben und Pflichten (…) vor allem aus den (einleuchtenden Herausforderungen des Alltags“ ergeben (ebd. S. 126). Die transparenten, „aus dem Alltag abgeleiteten Regeln und eingespielten Rituale“ sollen eine klare Orientierung bieten (vgl. ebd.). Hierbei sei es von entscheidender Bedeutung, dass die Betreuer/innen diese konsequent umsetzen, wodurch diese und die entsprechenden Regeln „stärker akzeptiert würden“ (vgl. ebd.).

Ein weiterer „Wirkfaktor“ sei die „Selbstwirksamkeit“, womit die Fähigkeit beschrieben ist, „an sich und seine Kompetenzen zu glauben“ (ebd.). Nach unserer Auffassung kann diese „Selbstwirksamkeit“ nur aus dem Zusammenspiel der von Klawe genannten Wirkfaktoren entstehen, zu den bereits beschriebenen sind hier außerdem die „Partizipation“ und „Transparenz und Vorhersehbarkeit“ zu nennen. Die Entwicklung von Selbstwirksamkeit im Sinne der Fähigkeit, „sein Leben aktiv zu gestalten“ ist nach unserer Auffassung eine der entscheidenden Aufgaben der Heimerziehung.

Nach unserer Erfahrung streben alle Kinder und Jugendlichen danach, sich selbst als aktiv Gestaltende ihres Lebens und ihrer Umfeldes erleben zu können. Häufig sind Verhaltensauffälligkeiten wie beispielsweise aggressives und / oder delinquentes Verhalten nach unserer Erfahrung die Versuche der Kinder und Jugendlichen, diese Selbstwirksamkeit in Ermangelung produktiver Handlungsstrategien durchzusetzen. Erfahren Kinder und Jugendliche durch schulische und handwerkliche Erfolge, durch die Ermöglichung der Gestaltung ihres Lebensbereiches, dass „Selbstwirksamkeit“ auch auf anderem, produktivem Wege herzustellen ist, nehmen destruktive Handlungsmuster ab.

In der Charakterisierung des Wirkfaktors „Transparenz“ betont Klawe vor allem „die alltägliche Mitgestaltung im Alltag“, welche „auch deshalb von den Jugendlichen als echten Mitwirkung erlebt (wird), weil sie spürbare Konsequenzen im und für den Alltag hat“ (ebd.).

Für die Wirkfaktoren „Transparenz und Vorhersehbarkeit“ sei eine „Transparenz der geltenden Verhaltensregeln“ die Voraussetzung, wobei diese im besten Fall nicht gesetzt, sondern gemeinsam ausgehandelt und vereinbart wurden“ (ebd. S. 127).

Im Kapitel „Transfer, Rückkehr und transkulturelle Perspektiven“ spricht Klawe eine Problematik an, der sich die Heimerziehung, aber auch in besonderer Weise Jugendhilfemaßnahmen im Ausland stellen müssen. Klawe nennt verschiedene Probleme, mit denen Jugendliche im Prozess der Rückkehr konfrontiert werden können und die deshalb im Hilfeprozess besondere Berücksichtigung finden müssen.

Hier ist zunächst ein möglicher „Konflikt zwischen erfahrener Selbstbestätigung und erworbener Autonomie einerseits und den Anpassungsanforderungen des heimatlichen sozialen Umfeldes andererseits“ zu nennen (ebd. S. 146). Zudem stehen die Jugendlichen vor der Herausforderung, sich in „anders strukturierte und teilweise fremdbestimmte Alltagsabläufe“ einleben zu müssen, zudem würde häufig die vorher stützende „exklusive Beziehung zu Betreuerin oder Betreuer entfallen“, was für die Jugendlichen auch mit Verlusterfahrungen einhergehen kann (ebd.). Als zusätzliche Herausforderung für diesen entscheidenden Schritt im Leben kann noch eine „Konfrontation mit alten Konfliktkonstellationen und Konfliktstrategien in Elternhaus und Herkunftsmilieu“ den Prozess der Verselbständigung erschweren (ebd).

Aus den beschriebenen Problemfeldern ist abzuleiten, dass gerade diese Phase der Ablösung gemeinsam mit dem Jugendlichen, den Sorgeberechtigten und den Kolleg/innen der ASD durch die Betreuenden mit besonderer Aufmerksamkeit zu gestalten ist.

Klawe benennt zwei Kriterien, die hierfür in besonderer Weise zu berücksichtigen seien: zunächst sei es erforderlich, „für den Anschluss an die Maßnahme geeignete strukturelle Bedingungen“ zu schaffen (ebd.). Hierfür sei es darüber hinaus erforderlich, die Jugendlichen mit Kompetenzen und Unterstützungsressourcen auszustatten, die sie in die Lage versetzen, ihr Leben und ihren Alltag (….) gelingend zu gestalten (ebd. S, 147).

Klawe verweist an dieser Stelle auf die InHAus-Studie von Macsenaere und Esser von 2012, die ergab, „dass hierauf bezogene Planungen in lediglich 57% aller Fälle nachgewiesen werden konnten“, nach unserer Auffassung ein erhebliches Versäumnis, welches einen möglicherweise gelungenen Hilfeprozess hinsichtlich des Zieles einer gelingenden Lebensgestaltung gefährden kann.

Klawe entwickelt Kriterien, durch deren Berücksichtigung die erfolgreichen Aspekte der zu beendenden Hilfe in den Ablösungsprozess eingebunden und ein Scheitern somit vermieden werden kann.

Zunächst sei es erforderlich, „die interkulturellen Aspekte mit der lebensweltlichen Zukunfts- und Lebensplanung der Jugendlichen zu verbinden“ (ebd.). Hierdurch sei „eine dezidierte Planung der letzten Wochen am Auslandsstandort, des Übergangs und der Eingewöhnungsphase nach Rückkehr sowie eine systematische Bilanzierung interkultureller Erfahrungen und Kompetenzen“ möglich (ebd.). Vor allem kann es durch diese „Verknüpfung“ gelingen, „die zurückgelegten Entwicklungsschritte bewusst“ zu machen, darüber hinaus kann das „Selbstbewusstsein der Jugendlichen“ gestärkt und können „Anregungen und Ermutigungen“ gegeben werden, „Gelerntes und Erfahrenes in den Alltag in Deutschland zu übertragen (ebd.).

Insgesamt gibt die Publikation vielfältige Anregungen dafür, wie die besonderen Aspekte und Vorteile eines Auslandsaufenthaltes im Sinne der fachlichen Gestaltung der individuellen Hilfeprozesse stärker berücksichtigt werden können. Dabei ist insbesondere der Aspekt des „interkulturellen Lernens“ zu berücksichtigen, welcher dem einzelnen Jugendlichen besondere Lebens- und Lernerfahrungen ermöglicht.